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Forum - SCHÜLER GEGEN MOBBING :: Thema anzeigen - geschichtes Geschichten

geschichtes Geschichten

 
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geschichte Antworten mit Zitat
Mobbing-Experte
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Sa Feb 14, 2009 8:52 pm    Titel: geschichtes Geschichten
 
Diese Geschichte hat nicht unbedingt etwas mit Mobbing zu tun, eher mit Einsamkeit und dem Traum von Freiheit, aber ich würde trotzdem gerne eure Meinungen dazu hören.
Ich hoffe, dass es doch einigermaßen hierhin gehört.


Dämmerungstraum

Sie öffnete ihre Augen.
Das Licht der untergehenden Sonne färbte die Landschaft bis zum Horizont rötlich und ein Friede war zu spüren, den man lang hatte vermissen müssen. Die Vögel zwitscherten vergnügt ihr abendliches Lied und erzählten sich die neusten Neuigkeiten, Kaninchen tollten auf dem immergrünen Rasen umher und Eichhörnchen sammelten Nüsse zum reinen Zeitvertreib. Die Felder standen reich in güldener Pracht und die Bäume und Tische bogen sich unter der Last der vielen Gaben.

Alle waren glücklicher, als sie es jemals für möglich gehalten hätten und waren darauf bedacht, dieses Glück so lange auszukosten, wie sie auf dieser schönen Welt weilten.

Nur Eine saß einsam in ihrem hohen Turmgemach, saß auf der Fensterbank und sah durch die Scheibe, alles beobachtend, alle beneidend. Bewacht, und auf immer mit ihrer Magie das Diesseits zu erhalten verpflichtet.
War die Einzige, die nicht frei war. War gekleidet in feinste Stoffe und Geschmeide, in der Lage alles zu tun, wonach ihr der Sinn stand – sofern sie in ihrem goldenen Käfig blieb.
Und obwohl sie alles hatte, sehnte sie sich nach mehr, das konnte ja wohl nicht ihr Schicksal sein, was der Klerus ihr da predigte!

Sie seufzte und hielt inne; wo waren die Stimmen derer, die sie schützten, vor ihrer reich verzierten Tür wachten, jeden aus- und sie einsperrten?

Neugierig erhob sie sich, lief geschwind auf ihren glänzenden Sandalen zum Edelsteinbogen, drückte gegen das Ebenholz. Und siehe da!, die Tür ward offen und niemand stand da, sie zu halten und zurückzusperren.
Diese Chance war ihr großes unverhofftes Glück, eine einmalige Gelegenheit, die genutzt werden wollte, wie es ihr eine leise Stimme hinter ihrer Stirn kund tat.

Wie ein Reh eilte sie die marmornen Treppen hinab, über den verwaisten Platz, an dem Springbrunnen entlang in Richtung Freiheit.
Schon so lange hatte sie davon geträumt, seit sie gefunden und verwahrt worden war. Und nun, in der Dämmerung, wurde dieser Traum zur Wahrheit.
Nach vielen tausend Schritten erreichte die lichtbekränzte Maid einen glasklaren Teich, silbrig wie ein Spiegel und schön wie ein Märchen.
Ausgelassen lief sie weiter, tanzte über die gläserne Oberfläche, streckte die Arme aus und drehte sich, ausgelassen lachend und vor lauer Wonne die Augen schließend.

Der Wind wehte ihr sanft das lange Haar aus dem Gesicht, während die flauschigen Wolken sie gemächlich dahinziehend beobachteten, die einzigen Zeugen dieses Traumes.
Alles andere schwieg, feierte still am heimischen Feuer das Leben, das sie geschenkt hatte.

Die Augen wurden geöffnet, Knie sackten ein, Lungen protestierten, verlangten Sauerstoff.
Leises Gelächter entrang sich der Kehle – brach ab – wer war das?

Erstaunt erblickte das Mädchen eine Gestalt im Wasser. Sie war fein gekleidet, wie sie, hatte langes geschmeidiges Haar, wie sie, und ihr Gesicht war ebenso geschnitten, wie das Ihrige.
Wer mochte das sein?
Sogar ihre Bewegungen amte die Fremde nach!

Aber egal, zu köstlich war der Augenblick, ihn mit sinnlosen Gedanken zu verderben!
Getanzt wurde nun eben zu zweit.
Sie lachten, ihre Gesichter nahmen einen höchst zufriedenen Ausdruck an.

Freiheit, endlich!

Sie sanken da nieder, auf dem Wasser, kleine Ringe trieben hinfort.
In sanften Schlummer sanken sie Beide; gemeinsam.
Zu zweit.

Sie öffnete ihre Augen.
Das Licht der untergehenden Sonne färbte die Landschaft bis zum Horizont rötlich und ein Friede war zu spüren, den man lang hatte vermissen müssen.
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Mariah1 Antworten mit Zitat
Mobbing-Neuling
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Anmeldedatum: Feb 12, 2009
Beiträge: 14

BeitragVerfasst am: So Feb 15, 2009 12:51 pm    Titel:
 
WOW!.....

Das ist eine wundervolle Geschichte....

Ich finde das passt hierher...Schreib doch noch mehr solcher Geschichten!! Smile
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: So Feb 15, 2009 2:57 pm    Titel:
 
Danke schön, es freut mich, dass sie dir gefällt! Smile
Ich werd sehen, was sich tun lässt^^
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sany90 Antworten mit Zitat
Mobbing-Professor
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Anmeldedatum: Jan 11, 2009
Beiträge: 196
Wohnort: NRW-Köln

BeitragVerfasst am: So Feb 15, 2009 5:45 pm    Titel:
 
Die Geschichte ist wirklich sehr schön. Auch ich würde mich freuen, wenn ich noch eine Geschichte von dir lesen könnte.
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: So Feb 15, 2009 8:51 pm    Titel:
 
Schön, dass sie dir auch gefallen hat Very Happy
Ich werde mal schauen, was ich noch so verfasst habe,
was hier nicht allzusehr aus dem Rahmen fallen würde.
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Naturfreund Antworten mit Zitat
Moderator


Anmeldedatum: Sep 22, 2007
Beiträge: 3839

BeitragVerfasst am: Mo Feb 16, 2009 8:56 pm    Titel:
 
Du solltest Autorin werden. Very Happy
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Di Feb 17, 2009 6:39 pm    Titel:
 
Danke^^
Ja, das habe ich auch vor, das ist mein großes Ziel. In der letzten Zeit mache ich immer wieder Schreibübungen, um mich zu verbessern. Und gerade deswegen freue ich mich immer wieder über Rückmeldungen Smile

Das ist eine der Übungen. der erste Satz war vorgegeben, und daraus sollte eine Geschichte gestrickt werden:

Aurora

Er blieb einige Minuten lang reglos stehen und wartete, bis sich sein hämmernder Pulsschlag beruhigt hatte und auch sein Atem wieder halbwegs normal ging. Dann sah er auf. Schnee, so weit er auch schaute, von hier bis zum Horizont nichts als Weiß. Er atmete tief ein und genoss den Duft der klirrenden Kälte, die dafür gesorgt hatte, dass er seine geröteten Finger nicht mehr spüren konnte. Doch das machte nichts. Nein, heute nicht. Heute hatte er frei, das war sein Tag. Er konnte machen, was er wollte.
Mit diesem wundervollen Gedanken im Kopf und einem leichten Lächeln auf den gesprungenen Lippen lief er weiter. Setzte einen Fuß vor den Anderen, immer und immer wieder.

Oh, wie er das liebte! Hier, im ewigen Eis, war er sein eigener Herr, konnte laufen, wohin er wollte, wie er wollte. Niemand redete ihm rein, niemand meckerte ihn an, niemand schrie oder nervte oder...
Niemand war da. Nur er, er allein. Stand in der Kälte, wurde von Schnee zugedeckt, als hätte der Himmel ihn nur deswegen geschickt.

Die blendend helle Sonne war mit ihrer Wanderung nun am heutigen Ende angelangt. Sie glitt langsam über die Horizontlinie hinweg und verschwand. Es würde merklich kühler, und der Mann zog seinen mit Fell bedeckten Parka enger um sich.
Sein Atem bildete kleine Dampfwölkchen, die gemächlich nach oben stiegen, wie um dem Himmel etwas zurückzugeben, der so unermüdlich hatte weiße Flocken regnen lassen. Denn mit der Sonne waren auch die Wolken verschwunden. Als hätte es sie nie gegeben.

Der erste Stern war am Himmel zu sehen, er war da, von einem Moment zum Nächsten, ruhig wie immer. Der Abendstern. Der Bote der Polarnacht.
Wie erwartet dauerte es nicht lange, bis die nächsten Sterne erschienen und das Firmament wie funkelnde Juwelen bedeckten, die Finsternis der eisigen Nacht ein wenig erhellten.

Es war für ihn wie die Rückkehr seiner Freunde. Denn die Sterne, wenn auch stumm, waren immer für ihn da, hörten ihm zu, waren bei ihm. Freunde eben.
Und außerdem kündigten sie manchmal, aber nur manchmal, etwas ganz besonderes an: Das Polarlicht.

Bunte Lichtfäden zogen mit einem Mal über den Sternenhimmel, färbten ihn auf wundersame, magische Weise ein und flößten jedem Menschen, der Zeuge dieses Augenblickes wurde, Respekt vor der unglaublichen Macht der Natur ein.

Der Mann stand da, einfach nur da, und sah voller Erfurcht zu, wie die Himmelskörper ihr faszinierendes Licht zum Besten gaben, mitten in der Wildnis, weitab seines Heimatdorfes im Eis.
Lange Zeit blieb er reglos an Ort und Stelle. Dann warf er einen letzten wehmütigen Blick auf Aurora, seine Aurora, die er liebte, wie nichts auf der Welt, für die er lebte, drehte sich um, und ging langsam zurück. Beim Morgengrauen musste er wieder da sein, sonst würde es mächtigen Ärger geben.

Er würde sich nicht so schnell wieder freimachen können. Seine Geliebte würde warten müssen, denn er wollte sie nur sehen, wenn er sie für sich haben konnte.
Nur dafür ertrug er den harten Alltag. Nur dafür.

Sie würde warten müssen.


Zuletzt bearbeitet von geschichte am Mi Feb 18, 2009 4:15 pm, insgesamt einmal bearbeitet
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mg21 Antworten mit Zitat
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Anmeldedatum: Nov 29, 2008
Beiträge: 169

BeitragVerfasst am: Di Feb 17, 2009 10:55 pm    Titel:
 
coole Geschichte.
Ich finde du stellst die Situation sehr gut dar. Auch seine persönlichen Empfindungen. Bin gespannt wie es weiter geht
lg
mg21

_________________
Mach dich nicht fertig,
wenn du pech hast erledigen das andere für dich
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marv Antworten mit Zitat
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Anmeldedatum: Sep 06, 2008
Beiträge: 268

BeitragVerfasst am: Do Feb 19, 2009 7:58 pm    Titel:
 
was bedeutet eigentlich deine signatur?
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Sa Feb 21, 2009 6:58 pm    Titel:
 
Hallo,

@mg21: Danke, es freut mich, dass gerade das so gut gefällt^^
Allerdings muss ich dich wohl leider enttäuschen, dass ist nur eine Kurzgeschichte und eigentlich abgeschlossen. Aber vielleicht werde ich die Idee ja irgendwann wieder aufgreifen, wer weiß...

@marv: Sie ist auf Sindarin, einer Elbensprache, die Tolkien für Mittelerde geschaffen hat und heißt "Guten Tag, mein Freund!". Ich mag sie..
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uranus Antworten mit Zitat
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Anmeldedatum: Feb 25, 2009
Beiträge: 2

BeitragVerfasst am: Mi Feb 25, 2009 3:35 pm    Titel:
 
Mir gefielen beide Geschichten sehr gut, es fiel mir leicht, mir die jeweiligen Szenen vorzustellen und die Situationen nachzufühlen.
Das hätte ich am Anfang nicht gedacht, "Dämmerungstraum" hörte sich irgendwie sperrig und nach wirren Gedanken an.
Nun, ich muss sagen, so sind die beiden Kurzgeschichten nun wirklich nicht geworden.
Ich würde mich sehr freuen, mehr davon zu lesen.
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Do Feb 26, 2009 6:03 pm    Titel:
 
Hallo uranus,
Es ist schön zu hören, dass die Geschichten nicht verwirrend oder kompliziert sind, wie sie sich zunächst anhören.

Liebe Grüße, geschichte
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Mo März 02, 2009 9:52 pm    Titel:
 
Hallo,
Ich habe wieder etwas verfasst, von dem ich hoffe, dass es euch gefällt^^


Puppenkiste
Blinzelnd öffnete sie ihre Augen. Verdammt, wo war sie nur? Verschwommen sah sie Berge alten Spielzeuges, die sich bis in den roten Himmel türmten. Einige waren kaputt, Risse zogen sich durch ihr angeschlagenes Material, ihnen fehlte etwas wie beispielsweise dem alten Auto, das direkt vor ihr lag, ein Rad. Oder einer anderen Puppe, die sie bemerkte als ihr Blickfeld sich klärte, war ein Bein abhanden gekommen.
Stille lag unheilvoll über diesem Ort. Nichts bewegte sich. Die Spielsachen schienen noch am leben zu sein, doch sie rührten sich nicht, starrten ins Leere. Langsam stand sie auf, strich sich ihre langen, roten Haare hinter ihre bemerkenswert spitzen Ohren, damit sie ihr nicht die Sicht versperrten, und sah sich unschlüssig um. In jeder Richtung war ein ähnliches Bild zu sehen, nur die Dinge, die dort leblos lagen, änderten sich. Da lag ein alter, ohrloser Teddybär, dort eine Marionette mit gebrochenen Glieder, da vorne ein Ball mit einem Loch.
Ein Segelschiff mit gebrochenem Mast. Ein Schaukelpferd ohne Kopf.

Dieser Ort behagte ihr nicht, ihr wurde schlecht. Sie wollte nur noch fort von hier. Also lief sie los. Die Richtung war ihr egal, sie kannte sich ohnehin nicht aus, und irgendwann würde sie schon irgendwo ankommen. Oder aus diesem Alptraum erwachen, was natürlich das Beste wäre.
Unsicherheit prägte ihr vorsichtigen tastenden Schritte, den der Boden, auf dem sie sich bewegte, war dank der Schichten von alten Träumen, die immer wieder die Hänge hinab rollten, nur sehr schwer zu beschreiten. Ihr heller Körper mit den filigranen Tätowierungen hob sich nur leicht von dem Farbwirrwarr, das überall herrschte, ab, und ihr keuchender Atem wiederhallte erstaunlich verschwommen in ihren Ohren.

Sie wusste noch immer nicht, was sie hier tat. Wo war Melissa, wo war ihre beste Freundin? Warum war sie so allein? Leises Gelächter durchbrach die Atmosphäre dieses Platzes. Erschrocken fuhr sie herum, der laut war zu plötzlich gewesen, als das sie ihn einfach so hätte hinnehmen können. Dort stand eine Puppe wie sie, nur das die dort gekleidet war, und das in altenglischer Art. Der dort trug einen Gehrock, eine Weste, aus der die goldene Kette einer Taschenuhr funkelte, eine elegante Hose und passende Schuhe. Auf seinem Kopf trug er einen Hut. Und aus der Krempe des Hutes sprossen Hasenohren.

„Was ist denn bitteschön so lustig?“, wollte sie erbost wissen. Sie hatte ihm nicht verziehen, dass er sie so erschreckt hatte. Und dass er sie so merkwürdig aus seinen grünen leuchtenden Augen heraus anstarrte. Die Puppe schüttelte nur den Kopf, drehte sich um – und war verschwunden. Als hätte es diese Erscheinung gar nicht gegeben.

Verstört blieb sie noch einen Herzschlag, über den sie leider nicht verfügte, stehen. Doch dann lief sie weiter, fest entschlossen das Geheimnis, in dem sie steckte, zu lüften.
Weiter, immer weiter trugen sie ihre langen, mit Kugelgelenken bewährten Beine durch den Spielschrott, in dem so viele glückliche Erinnerungen steckten. Der so schöne, traurige Geschichten dem erzählen konnte, der bereit war, einen Moment lang innezuhalten und zuzuhören. Aber die verlorene Puppe ignorierte das leise Gewisper, dass immer deutlicher zu hören war, je länger sie an diesem verwunschenen Ort weilte.

Eine kleine Rauchsäule stieg hinter einem dieser Berge auf. Ihre Augen weiteten sich vor Freude. Ja! Da musste Jemand sein! Und dieser Jemand wusste sicherlich, wie sie wieder von hier weg kam. Ja!
Hastig erklomm sie den Berg und rutsche auf der anderen Seite wieder herab. Dort sah sie einen kleinen, ebenen Platz, der mit den Kacheln aus einem Puppenhaus bedeckt war. Auf dem Wesen zu sehen waren, die sich bewegten!

Sie lief auf sie zu, wobei sie immer mehr von Ihnen wahrnahm. Es waren auch Spielsachen, auch sie waren teilweise ramponiert. Aber sie schienen sich noch nicht mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben so wie alle anderen hier. Nein, sie schienen zu kämpfen. Vielleicht kannten sie ja die Gestalt mit den Hasenohren...
Aber das war eigentlich egal. Viel wichtiger war es, den Weg nach Draußen zu finden.
Die Spielsachen, die sich an einem kleinen Feuern wärmten, sahen neugierig zu ihr, als sie endlich bei ihnen angekommen war, und sich den Staub vom Plastikkörper klopfte.

„Na, auch weggeworfen worden?“, wollte eine neugierige Spielkarte wissen.
„Was? Weggeworfen? Nein ich... ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was ich hier tue. Wo ich hier bin. Ich hatte gehofft, dass ihr mir das sagen könnt! Und vor allem, wie ich wieder von hier weg komme.“ Die Puppe sah fragend in die Runde. Sah einen Plüschdrachen, einen Zinnsoldaten, eine Eulenfigur, einen kleinen, zerbrochenen Spiegel, eine Blume mit Gesicht und viele mehr, die ihr unendlich leid taten, da sie ihnen genau das Unglück ansah, das ihnen wiederfahren war. Sie schwiegen, allesamt.
Dann seufze die Blume, die anscheinend auch aus Plastik bestand.

„Hör mal Schätzchen. Du kannst nicht von hier weg. Niemand, der einmal einen Fuß, einen Reifen, eine Tentakel oder womit auch immer er sich fortbewegt, auf diesen Trümmerhaufen gesetzt hat, kann wieder gehen. Niemand. Niemals. Du bist hier im Land der vergessenen Erinnerungen. Hier landet jeder, der einst glücklich bei einem Kind gelebt hat, und dann weggeworfen wurde.“ Sie hielt inne.
„Aber... nein, Melissa würde so etwas nie tun, wir sind doch beste Freunde!“
„Es tut mir leid.“ Die Blume sah sie mitleidsvoll an.

Sie musste sich irren, ja, das war es! Die Puppe schüttelte energisch ihren Kopf, so dass ihre langen Haare hin und her flogen. Warum sagten denn die Anderen nichts, warum öffnete keiner den Mund, um der Blume zu sagen, dass sie es lassen sollte, solch gemeine Lügen zu erzählen?
Der Zinnsoldat räusperte sich.

„Es ist schwer, das zu glauben. Ich weiß das nur zu gut... Aber tu’ es lieber. Denn sonst wird es dich auffressen!“
Sollte das etwa heißen, dass sie für immer hier bleiben würde, niemals wieder einen anderen Ort sehen würde? Nein, sie wollte zurück! Nach Hause... Dorthin, wo ihre ganzen Freunde sicherlich schon auf sie warteten. Sie schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, runter, und versuchte, klar zu denken. Aber sie wusste mit einem Mal genau, dass ihr auch das nicht helfen würde.
„Ich... Ich muss nachdenken...“, sagte sie abwesend und kratze sich am Kopf. „Danke“, fügte sie noch hinzu, bevor sie so schnell es die Beschaffenheit des Bodens zuließ, den nächstbesten Berg erklomm.

Endlich am Gipfel angekommen schrie sie ihren ganzen Schmerz über den offensichtlichen Verrat und die Angst und das eklige Gefühl der Einsamkeit, dass sich ihrer bemächtig hatte, heraus, und kauerte sich zusammen, verdeckte mit der Hand die Augen. Sie wollte diesen Ort nicht sehen. Und doch wusste sie, dass das ihre neues Zuhause war. Dass es die Wahrheit war.
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asa90 Antworten mit Zitat
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Anmeldedatum: Feb 20, 2009
Beiträge: 47

BeitragVerfasst am: Mo März 02, 2009 10:38 pm    Titel:
 
Ich finde die Geschichte super! Man kann so viel herauslesen und hineininterpretieren... Bin sonst nicht so der Geschichtenleser (habe ausser Harry Potter^^ nur etwa 2-3 Bücher gelesen...) aber ich konnte mich richtig in die Welt hineinversetzen, konnte sie mir richtig bildlich vorstellen!
Lg asa90 Smile
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Do März 05, 2009 7:26 pm    Titel:
 
Schön, das freut mich! Smile
Danke.
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wanda Antworten mit Zitat
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Anmeldedatum: Aug 29, 2008
Beiträge: 25

BeitragVerfasst am: Fr März 06, 2009 9:04 pm    Titel:
 
du bist eine künstlerin auf dem "papier"!!!
Deine geschichten sind wunderbar!
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Sa März 07, 2009 5:42 pm    Titel:
 
Wundervoll, dass sie auch dir gefallen, danke Smile
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
Beiträge: 961

BeitragVerfasst am: Mo Jun 01, 2009 3:27 pm    Titel:
 
Hallo,
Hier ist wieder etwas zu lesen für euch^^

Schneekönigin
Das dämmrige Licht der Laterne drang sanft durch das schmutzige Fenster ins innere des gemütlich-chaotischen Raumes und offenbarte die zierliche Gestalt, die dort saß, und ihr Ebenbild im Spiegel betrachtete.
Im Spiegel ist die Welt verkehrt.
So hieß es doch, oder? Es war wahr. Wer immer diese Worte gesprochen hat, er hatte Recht. Denn das, was sich da ihren Augen bot, konnte kaum die Wahrheit sein. Wer immer sie da anblickte, sie selbst war es nicht. Vielleicht der Bote einer fremden Welt, die hinter dem Glas lag?

Einer Welt aus Eis und Schnee. Einer Welt der Kälte und Einsamkeit.
Merkwürdig. Diese Welt könnte – wenn es sie denn gab – ihr Inneres sein. War so etwas überhaupt möglich? Egal, es war vollkommen irrelevant. Sie befahl sich zunächst mit sanfter, dann mit harter Gewalt, an etwas anderes ihre Gedanken zu vergeuden. Kaum war der Beschluss endgültig gefasst, vorsichtig wie ein Baum in ihrem Bewusstsein heran gereift, blieben die bewussten Gedanken aus, und ohne einen Liedschlag zu tun, starrte sie auf das Bild, das sich ihr bot.

Ein Gesicht war ihr zugewandt, die Haut hell wie Porzellan, die Lippen hoben sich davon kaum ab.
Langes, blondes Haar fiel der Gestalt über die Schultern und ein Pony verdeckte die Stirn, endete direkt über den blauen Augen, die als einziges Detail offenbarten, dass es sich hier um ein lebendes Wesen handeln könnte. Sie blickten starr geradeaus, und doch funkelte, untergründig, wie von weiter Entfernung aus, etwas in ihnen, lauerte, konnte jeden Augenblick losschlagen, um sein Wesen zu präsentieren. War es der Schalk oder doch eher der Wahnsinn? Unmöglich, das vorher zu sehen.

Wie eine Puppe. Eine einsame, schöne, vergessene Puppe, die kalt war, Kälte spürte, endlosen Schmerz. Wie die Schneekönigin aus dem Märchen, die sich zur Gesellschaft jemanden holte. Einfach so.
Ohne Weiteres.
Ohne mit der Wimper zu zucken.

Zuckte sie hin und wieder mit der Wimper?
Nein, sie seufzte.
Die bleichen Lippen öffneten sich einen Herzschlag lang ein wenig und entließen den leisen Laut, dann schlossen sie sich wieder, wie ein Tor, dessen Schlüssel seine Arbeit tat. Gut tat.

Das Mädchen vernahm es mit Erstaunen. Das Etwas im Spiegel musste sich über sie lustig machen! Wer war das nur, und was wollte es? Sie selbst konnte es nicht sein. Niemals. Nein.
Sie war dick und hässlich, nicht so, wie das Bildnis. Dennoch weckte es längt begrabene Erinnerungen tief in ihr, Erinnerungen, die eigentlich schon längt hätten verschwunden sein müssen. Wie aus einem anderen Leben. Sie winkten ihr fröhlich zu während sie an ihr vorüberzogen.

Unweigerlich vergrub sie ihre Hand in dem weißen Überzug, den sie trug. Er war schneeweiß, wie der Rest aus ihrem Raum. Alles war steril. Warum war noch gleich ein Spiegel hier? Ah ja, sie sollte sich mit sich anfreunden. Wie sollte das gehen, wenn ihre eigenen, noch dazu glücklichen Gedanken, sie sich fühlen ließ, als würden mehrere Parteien an ihr reißen und zerren, als wollen sie sie vierteilen?

Ein graumsames Lächeln zierte ein winziges Sekündlein ihre Lippen.
„Lachst du mich aus?“ Von denselben entrang sich ein Schrei, mehr ein Kreischen.
Fremdes Gesicht, es lachte! Alle Fremden lachten, wenn sie sie sahen, hämisch, gaben Kommentare ab oder taten schlimmeres. Alle. Auch das Etwas im Spiegel!

Sie kniff die Augen zusammen und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.
Weg! Wegwegwegwegwegweg... Hinfort!

Lachen erklang, drang durch die Hände an ihr Ohr und kitzelte eine kleine, glitzernde Träne hervor. Beinahe erwartete man, dass sie zu Eis gefror und klirrend zersprang; aber das tat sie nicht.
Sie rann still hinab und hinterließ eine feuchte Spur auf der merklich kühlen Haut.
Reglos saß die selbsternannte Puppe da, ließ sich vom Licht bescheinen und vom Glasgebilde nachäffen. Ihre Schultern bebten und zu der einen Träne gesellten sich viele.

Das Mädchen stellte sich vor, wie es wohl aussehen mochte, wenn heißes, salziges Wasser auf blütenweißen Schnee traf. Er schmolz. Der schöne, sanfte, liebe Schnee schmolz. War das zu verantworten?
Wütend zwang sie ihre Augen, sich zu öffnen. „Du!“ Ihr Ebenbild, von dem sie noch immer nicht glauben mochte, dass sie auch nur eine geringfügige Ähnlichkeit besaßen, blickte sie ob der Störung wütend an. Hass loderte am Rand seiner Augen, und die auf unserer Seite des Spiegels stockte kurz.
Dann ließ sie sich nicht weiter beirren.

„Anfreunden sollen wir uns!“ Die Schneekönigin lachte grausam und es schien, als könnte man ihrem Gelächter den beißenden Klang des scharfen Schneesturmwindes entnehmen.
„Wir!“
Ihre Hand prallte auf das Glas, immer und immer wieder. Ein Riss zierte es, wurde breiter. Erste Scherben fielen leise und anklagend klirrend zu Boden, rote Tropfen der weißen Hände folgten ihnen.
„Lass mich in Ruhe!“ Mehr war nicht zu sagen.

Mit liebevollem Blick besah sie ihr Werk. Endlich allein. Gut. Blut rann aus den Wunden, und sie sackte von der Fensterbank hinab zu Boden, strich über die glitzernden Scherben, eben so, wie ein kleines Kind es tat, wenn es von einer Sache fasziniert war. Der rote Finger wanderte zu den Lippen und färbte sie schöner, als jeder Lippenstift es vermochte. Dieses eine Mal war das Lächeln vollkommen glücklich; sie hatte es geschafft.

Ein einzelne große Scherbe in der Hand stand sie wieder auf und warf einen Blick aus dem Fenster, das dringend eines Putztuches bedurfte. Die scharfe Kante fuhr über sanfte Haut, noch mehr Rot und Warm ergoss sich über den Arm.
Warm.

Sie war nicht die Schneekönigin. Sie war warm. Voll von rotem Leben.
Sie war glücklich, als sie sich auf ihrer Pritsche zusammenrollte und entgleitete, dem erlösenden Traumland entgegen schwebte.
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Anmeldedatum: Apr 09, 2008
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BeitragVerfasst am: Do Okt 29, 2009 4:19 pm    Titel:
 
Die Puppenkiste hat, auf vielfachen Wunsch hin, mittlerweile eine Fortsetzung entwickelt, die ich euch keineswegs vorenthalten will. Sie hat ebenfalls nicht wirklich etwas mit Mobbing zu tun, aber doch immerhin damit, dass man nicht aufgeben sollte, wenn man ein Ziel vor Augen hat.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!



Kleine Puppenhände drückten sacht in ihr Kreuz. „Sieh!“, riefen sie, „Sieh!“ Und sie sah.
Von dem erhöhten Platz aus, auf dem sie nun, nicht ganz freiwillig, stand, konnte sie ganz Dunkelbunt überblicken. Die Häuser sahen wie Modelle einer Bilderbuchwelt aus, und die winzigen Bewohner wie Spielzeug. Das lag wohl daran, dass sie genau das waren.
Weiße Dampfwölkchen entkrochen vorbildlich den entzückenden Schloten und vereinigten sich mit den Schäfchen, die lauthals blöckend über den dunklen, vom Sonnenuntergang samtig bunt gepinselten Himmel zogen. Urige Laternen gingen nach und nach an und halfen den Lichtern, die aus den Zuckergusshäuserfenstern drangen, das vielschichte Treiben gebührend zu beleuchten.
Die köstliche Duft von gebrannten Mandeln und kleinen Holzfeuerchen kitzelte frech in ihrer Nase, während sie ihre Augen nicht von dem Spektakel, das sich da zu ihren Füßen ausbreitete, abwenden konnte.
„Und, haben wir dir zu viel versprochen?“ Die resolute Hippodame hielt schnaufend hinter ihr inne, sie hatte sich scheinbar den gesamten Weg hier her, auf den höchsten Punkt der Stadt Dunkelbunt, hinaufquälen müssen.
„Nein.“ Glücklich lächelte die zarte Puppe, zum ersten Mal, seit sie in dieser Welt weilte. „Das habt ihr wirklich nicht.“
Wenn sie hier niemanden fanden, der ihnen helfen konnte, sagen, was zu tun war, dann nirgens!
Sie konnte es kaum erwarten, mit der Suche zu beginnen, doch ein Blick zurück sagte ihr, dass das noch warten musste. Ihre Freunde waren von der langen Reise zu erschöpft, wenngleich sie sich zu freuen schienen – endlich war der große Schritt gewagt, endlich das geschehen, was längst überfällig gewesen war!

Noch gut erinnerte die Puppe, Lucy, sich daran, wie sie vor nicht allzu langer Zeit wieder von dem Gipfel herunter gestiegen war, sich zu der Truppe begeben hatte, und ihnen stumme Gesellschaft geleistet hatte. Wie die Bande von altem, kaputten, achtlos weggeworfenem Spielzeug sie mit mitleidigen Blicken bedacht hatte, und wie schließlich der kleine Kobold, der sonst immer mit Umherhüpferei beschäftigt zu sein schien, schließlich die Klappe nicht länger hatte geschlossen halten können.
„Es gäbe da einen Weg“, hallte seine piepsige Stimme in ihrem Inneren wieder, „In Dunkelbunt, der Hauptstadt des Landes der vergessenen Erinnerungen, soll es jemanden geben, der weiß, wie man zurück kommen kann.“
Wehmütig hatten sie allesamt in das kleine Feuerchen gestarrt, als wäre dort die Lösung all ihrer Probleme zu finden, als wäre dort eine Karte, die den Weg zurück in fröhliche Kinderhände zeigte – als müsste man sie nur lesen. Doch da war nichts.
Lucy war aufgestanden, mit den Worten: „Ich werde diese Person aufsuchen – und das Missverständnis klären. Ich werde zurück zu Melissa gehen!“
Stille war ihnen gefolgt, doch schließlich war einer nach dem anderen aufgestanden, Entschlossenheit im Blick, und gemeinsam waren sie losmarschiert.
Nur einer wollte sich dem nicht anschließen, der kleine melancholische Zinnsoldat. Alles Bitten hatte nichts genutzt, er hatte bereits mit allem abgeschlossen.
„Jemand muss da sein, wenn wieder jemand kommt, der kämpft, der noch etwas Leben in sich trägt.“ Und so hatten sie sich verabschieden müssen.

Als sie die Stadt heute kurz vor Sonnenuntergang erreicht hatten, waren sie alle total verwirrt von den vielen „Erwachten“, wie die, die über ein Bewusstsein verfügten, hier genannt wurden, die, die den Friedhof der Kuscheltiere überlebt hatten, genannt wurden, gewesen.
Dass es so viele von ihnen gab! Niemals hätten sie es zu hoffen gewagt, die unwirkliche Realität überstieg ihre kühnsten Träume.

Ein kleines Empfangskomitee aus kleinen Feen, die munter schnatternd um ihre Köpfe schwirrten, und Kobolden, die sich mit ihrem Nepumuck zusammen getan hatten, umringte sie und bedrängte sie mit Ideen, was sie tun konnten, nun, da sie am Puls des niedlichen Lebens angelangt waren.
„... am Kristallsee den Nixen lauschen, dass muss man gesehen ...“
„... Fleetstreet Ecke ... Pasteten ...“
„- oder kennt ihr das etwa schon?“
„... durch den Wald, der ist ...“
„... versuchen, eine wirkliche, echte Spielzeugfabrik in Gang zu setzen – hier!“
Permanent waren mindestens fünf Stimmchen an Lucy gerichtet, die allesamt versuchten, einander zu übertönen, sodass sie es längst aufgegeben hatte, auch nur zu versuchen, gedanklich Schritt zu halten.
„Komm mit!“ Die Hippodame ergriff ihr Handgelenk und überdeckte das Geschnatter mit ihrer kräftigen Stimme. „Ich kenne einen Ort, an dem ihr die Nacht verbringen könnt!“
Dankbar folgten sie ihr, sie alle, ließen ihren Anhang, und auch ihren Nepumuck, der sich nur flüchtig von ihnen verabschiedete, zurück, und drangen nach und nach in ruhigere Gefilde vor.
Nun war das samtene Tuch, das sich hoch über den Dächern der Stadt dahin wöblte, komplett in Düsternis getaucht, die gelblichen Laternen seltener, und nur vereinzelt drangen Rufe durch die kalte Nacht, in der Nebelschwaden langsam wie Gespenster aus dem Boden krochen.
Das Geräusch ihrer Schritte drang hastig durch die vielen kleinen, ineinander verschachtelten Gänge und ließ vermuten, sie folgten einer Gruppe, die weitaus größer war, als die ihre, und als sie schließlich auf einen recht possierlichen Platz bogen, war das dunkele Pflaster nass, so, als hätte es Augenblicke zuvor heftig geregnet.
„Zum blinzelnden Drachen“ war auf einem hölzernen Schild, das leise knarrend vor und wieder zurück schwang, neben der Tür der größten Gebäudes – in diesem Viertel bestanden sie alle aus Kartons – auf dass ihre Führung zeilstrebig zustapfte.
Die füllige Tierpuppe pochte laut an die Tür. Stille. Unruhig standen sie allesamt da, scharrten mit Füßen, Klauen und sonstigen Extremitäten unbehaglich auf dem Boden herum, fröstelten.
Klack. Ein Riegel schabte mit einem dumpfen Laut dort entlang, dann noch einer. Auch dieses Holz knarrte, der Laut mutete wie Protest an, dann war der Eingang offen.
Der Raum, der sich ihnen ansatzweise darbot, wurde nur spärlich von flackerndem Kerzenschein beleuchtet. Ein lilafarbenes Auge starrte sie aus seiner tiefen Höhle heraus misstrauisch an.
Als der Blick auf ihre Begleitung fiel, die sich, ebenso wie die Kobolde, erst an diesem Tage zu ihnen gesellt hatte, öffnete sich die Tür voll und ganz, und eine Pappfigurine grotesker Gestalt, mit lediglich einem Sehorgan im verunstalteten Gesicht, trat halb aus dem diffusen Licht hinaus auf den erhellten Platz, der im Vergleich zu den Verhältnissen im Inneren des Gebäudes regelrecht blenden musste.
“Das hier sind Freunde von mir, die eine Bleibe für die Nacht suchen.”
Das Wesen nickte zum Zeichen dafür, dass es verstanden hatte, drehte sich wieder zurück ins Zwielicht und gebot der versammelten Mannschaft mittels einer Geste, einzutreten.
Mit einem nervösen Lächeln verabschiedete sich die neue Freundin vorerst. “Hier seid Ihr in guten Händen.”
Lucy merkte gerade bei diesen Worten und dem ernsten Tonfall, der damit einher ging, auf, bisher hatte sie nicht einen Gedanken daran verschwendet, dass sie hier eventuell in Gefahr schweben konnten! Sollte es tatsächlich jemanden geben, der sich zwischen sie und ihr Ziel, zurück nach Hause zu gelangen, stellte?
Sie verabschiedeten sich eher unfreiwillig von Arabella, wie die Hippodame genannt werden wollten, und vermissten sie und ihr sonniges Wesen schon Sekunden später. Dann traten sie ein, vorsichtig, da die gesamte Architektur hier es ihnen so eingab.
Die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem leisen, unheilvollen Geräusch, das einige Spinnen, die an der Wand scheinbar ihr Quartier bezogen hatten, eilig umherflitzen ließ. Die wortkarge Gestalt drückte jedem von ihnen einen wenig vertrauenserweckenden, tropfenden aber auch zu ihrer großen Erleichterung brennenden Kerzenstummel in die Hand, winkte sie mit sich und steifelte polternd die Treppe hinauf, die hinter einer Nische verborgen lag.
Der viele Staub, den sie aufwirbelten, ließ Lucy trocken husten. Die Stufen führten um keine Biegung und der Aufstieg dauerte länger an, als man vermtuen würde, wenn man das Haus von Außen sah, doch schließlich war auch das geschafft.
“Ich heiße Boris.” Scheinbar hatte ihr Gastgeber soeben seine Stimme wieder erlangt. “Herzlich willkommen im “Lachenden Faun”.”
Richtig, draußen war ja ein Schild gewesen – aber dessen Inschrift hatte sie nicht gelesen, zu groß war noch immer die Aufregung. Außerdem erinnerte lesen sie an Melissa, die ihr immer Passagen aus diversen Büchern vorgetragen hatte...
“Ich unterstütze Arabella und ihre Leute, wo ich nur kann. Und wir alle bewundern, euch für das, was ihr tut.” Seine Worte klangen wie eine Stehgreifrede, ihm schien wirklich etwas daran zu liegen, das merkte man der rauen Stimme deutlich an – doch warum verhielt er sich so komisch? Alles, was sie wollten, war bloß, einen Weg zu finden – nichts weiter; das mussten doch schon Dutzende vor ihnen getan haben. Und dieser, ihr Plan, schien sich in Windeseile in gewissen Teilen Dunkelbunts, wie ein Lauffeuer, verbreitet zu haben.
Nun schwieg Boris wieder und blickte sie erwartungsvoll an, wie sie da standen und an die Kinder denken mussten, die sie einfach so im Stich gelassen hatten, zu denen sie aber dennoch wieder zurück zu gelangen suchten.
Als jedoch keine Antwort erfolte, schien der Wirt auf den Gedanken zu kommen, dass sie schlicht und ergreifend zu erschöpft von der langen Reise, die sie von den Außenbezirken dieser Welt nach der Welt, in dem kaum Leben gibt, bis hier her, an den Ort, an dem sich sämtliche Existenzen versammelten, waren.
Stillschweigend wie zuvor schlurfte er durch die vielen verwinkelten Flure des Hauses, treppauf und treppab, penibel darauf bedacht für jeden ein Zimmer zu finden, das seiner Größe angepasst war.

Lucy fand sich schließlich in einer Kammer direkt unter dem Dach, dessen Gerüst überdeutlich zu erkennen war, wieder. Sie war recht gemütlich eingerichtet: Ein Bett mit wirklich kuschelig aussehender Decke und wohl daunenweichem Kissen stand da, eine kleine Truhe – Lucy war zu müde, um sie auf ihren Inhalt hin zu untersuchen – und ein kleiner Frisiertisch mitsamt gepolstertem Stuhl. Alles war sauber, ordentlich, und, was wohl das wichtigste war: Alles hatte wirklich haargenau die passende Größe, war wie maßgeschneidert.
Da die Puppe mit den spitzen Ohren niemals in einem Puppenhaus gewesen war, als sie zu Hause gelebt hatte, vor nicht allzu langer Zeit, war dies eine vollkommen neue Erfahrung.
“Daran könnte ich mich durchaus gewöhnen.” Erschöpft ließ sie sich auf dsas Bett sinken, rollte sich in die Decke und sank bald schon in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Tag kam ihr der Raum im hellen Schein der Morgensonne, der voll Vorfreude durch die Dachfenster tropfte, beinahe noch unwirklicher vor, als es wenige Stundne zuvor der Fall gewesen war, was Lucy verwundert zur Kenntnis nahm.
Der erfrischende Geruch von warmen Frühstück kroch durch jede Ritze der hölzernen Wände und Decken, und als sie ihm zu dessen Ursprung folgte, landete sie schließlich in einer wahrhaft gigantischen Küche, in der es drunter und drüber ging:
Auf der langen Herdzeile brodelte und bruzelte es in unzähligen Töpfen und Pfannen, auf den Arbeitsplatten standen Schüsseln, in denen Löffel selbsttätig rührten, dass es nur so spritzte und viele eifrige Mäuse – ebenfalls mit Kugelgelenken – liefen auf zwei Beinen mal hierher, bald dort hin, um Küchengerät zu bewachen oder Speisen zu der länglichen Tafel zu geleiten, an Lucys Freunde sich bereits allesamt eingefunden hatten.
Freudig begrüßten sie sie und Boris, der hier ebenfalls in der Großküche seiner Gaststätte herum wuselte, schob die rothaarige Puppe energisch auf einen Stuhl. Es dauerte nicht lange, da stand auch schon eine dampfende Tasse Tee neben einem Teller voller saftig gold-braun gebratener Spiegeleier direkt vor ihr.
Angeregte Plaudereien würzten das Essen wohlig mit Behaglichkeit, und was auch immer gefährliches in dieser Welt lauern mochte, es war gerade weit weg und vergessen.

Irgendwann, der Tisch war bereits leer geräumt und die Mäuse nahezu mit dem Abwasch, bei dem sie unter keinen Umständen Hilfe wollten, fertig, setzte Boris, der sich zwischendurch zu ihnen gesellt hatte, mit einem Rums! seinen gusseisernen Krug ab und sah verschwörerisch in die Runde. Es wurde still, erstaunlich schnell, aber dennoch keineswegs überhastet.
Allesamt sahen sie ihn an, denn der Zyklop schien sicher gehen zu wollen, dass auch jeder mitbekam, was er zu sagen hatte, und schien nicht beginnen zu wollen, ehe er sämtliche Aufmerksamkeit besaß. Endlich hob er die Hand vor den Mund und räusperte sich.
Voller Erwartung, große Worte zu hören, sahen sie ihn an, niemand wusste, was nun kommen sollte. Dann: Barg er das Gesicht in den Händen, murmelte eine Entschuldigung und suchte schleunigst das Weite, scheinbar ganz ergriffen von – ja, von was denn nun?
“Ihr müsst das verstehen!” Die Stimme klang piepsig, und tatsächlich war es eine Maus, die sich da zu Wort meldete. Augenblicklich galt die gesammelte Aufmerksamkeit derer, die sich hier einfach nicht auskannten, ihr. Davon ein wenig verlegen strich sie sich über die Kochschürze, der man ansah, dass sie nicht gerade neu war, und kratzte sich am Hals, bevor sie fortfuhr.
“Wir haben schon fast gar nicht mehr mit euch gerechnet. Doch nun seid ihr hier, ihr werdet zur Wahrsagerin gehen!” Sie lächelte freundlich und gab sich große Mühe, nicht wild hin und her zu zappeln. Eine gewisse Spannung, die in der Luft lag, machte klar, dass nicht nur die beiden so empfanden, sondern auch alle anderen hier – sie alle waren tierisch aufgeregt, und es war gar nicht schwer, jemanden zu finden, der sie zu der Dame, die den Titel Madame Sehweithinaus trug, geleiten würde.

Gerne wären sie alle noch geblieben um sich erklären zu lassen, warum es so außergewöhnlich war, was sie da planten, doch emsige Geister drängten sie mit sanfter Gewalt hinaus.
“Ihr müsst euch eilen!”
“Sputen!”
“Fliegen!”
“Rasch!”
Und so begaben sie sich auf den Weg, Lucy, die agile Blume, der Teddy mit dem Grinsen, das verkehrt herum aufgenäht war, und all ihre Freunde vom Schrottplatz.
So unauffällig, wie es nur ging – einfach locker und ohne sich umzusehen, als wären sie hier Zuhause – liefen sie schnell, aber nicht eilig, durch die vielen Gassen. Nun, bei Tageslicht, sah alles noch bunter und vielfältiger aus, als es gestern Abend der Fall gewesen war, überall herrschte Leben, obwohl sie alle genau genommen “tote Gegenstände” waren. Zumindest aus Sicht der so genannten Menschen.
Alle waren damit beschäftigt, sich ihr täglich Brot zu verdienen: Manche buken eben dieses Brot, andere lieferten es aus oder verkauften es; einige waren damit beschäftigt, Überreste von Backwerk zu beseitigen und so weiter und so fort. Hier gab es alles, was auch in der angeblichen Wirklichkeit Gang und Gebe war und auch, dass alle Nahrung zu sich nahmen und ähnliche Bedürfnisse wie ihre einstigen Herren hatten, war hier eine Selbstverständlichkeit.
Quer durch das Gedränge und wieder hinaus führte sie der Weg oder eher eine der vielen Küchenmäuse, bis sie vor einem Holzhaus standen, und sie sich knicksend verabschiedete.

Das Gebäude besaß eine hölzerne Schiebetür, doch waren sie allesamt viel zu höflich, um einfach so dort einzudringen. Glücklicherweise hing dort ein Glöckchen, wie Schokoladenhasen und -weihnachstmänner sie zu tragen pflegten. Zögerlich stießt Lucy sie an, und der helle Laut, der dem folgte, hallte noch Sekunden später nach.
Unvermittelt, ohne dass veräterische Schritte zu hören gewesen wären, wurde die Tür von innen aufgeschoben, und eine elegante Plüschkatze im Seidenkimono stand vor ihnen.
“Guten Tag. Sie wollen zu Madame Sehweithinaus? Dann treten Sie doch bitte ein!”
Der einladenen Geste folgten sie nur zu gerne, und binnen kurzen wurden sie in einen kleinen Empfangsaal geleitet, auf dem weiche Polster und Kissen zum Warten regelrecht einluden. Ein angenehmer, süßlicher Geruch schwebte in der Luft, und Lucy sah noch mehr dieser Katzen, nur durch eine jeweils andere Farbe der Kimonos zu unterscheiden.
Sanfte Musik erklang, klar und deutlich vernehmbar, aber nicht aufdringlich, sodass sie ablenkte oder dergleichen. Wollte man sich ihr jedoch hingeben, so bestand kein Zweifel daran, dass sie einen mit auf eine wundersame Reise zu nehmen vermochte.
“Bitte, warten Sie hier einen Augenblick. Die Vorbereitungen werden jeden Moment abgeschlossen sein!” Damit huschte sie lautlos auf ihren samtenen Pfoten davon. Die neugierige Spielkarte, die neuerdings so wortkarg war, sah ihr aufmerksam hinterher, so sehr, dass die Plastikblume ihr einen Klaps mit einem ihrer vielen Blütenblätter verpasste. Lucy kicherte leise ob des beleidigten Ausdrucks, der ohne Umschweife das Gesicht des Papiers zierte, verstummte jedoch sofort, da die Katze wieder da war.
“Es ist nun so weit. Bitte, folgen Sie mir.”
Es ging durch helle, hölzerne Gänge, doch hatten sie nicht so lange zu laufen wie anfangs im Lachenden Faun, bis sie endlich in einer Art Höhle angelangt waren. Die Häuser hier in Dunkelbunt steckten wirklich voll von architektonischen Überraschungen!
Auf der anderen Seite der Höhle, von deren Decke es kalt hinabtropfte, verlief ein weiterer Gang. Und in der Mitte lag eine riesengroße Echse, wohl ein Drache. Nun gut, genau genommen nahm er fast den gesamten hier vorhandenen Platz in Beschlag. Seine grüne schuppige Haut glänzte im Licht der Kerzen, die an den Wänden in eisernen Haltern steckten, geheimnisvoll und der Bauch, auf dem er lag, schien mit Edelsteinen und kostbaren Metallen bedeckt, er schien regelrecht zu funkeln. Beide Lider waren unten, das breite Maul geschlossen und aus dem Nüstern des Fabeltieres drang ein rauchiges Rinnsal, dass sich nach oben hinweg kräuselte, die Decke entlang tanzte und schließlich aus einer kleinen Luke heraus ins Freie flüchtete.
Die junge Frau trat an Lucy heran.
“Von hier an könnt Ihr nur weiter, wenn Er es gestattet.”
Dann deutete sie auf eine Stelle des Bodens, die weitaus heller als die restlichen Fliesen zu sein schienen, gerade so, als wäre das alles, was sonst noch zu sagen wäre. Vorsichtig, da sie ein wenig verunsichert war, trat die Puppe auf den gedeuteten Punkt – und nichts geschah. Absolut rein gar nichts. Gerade wollte sie sich wieder umwenden um zu fragen, ob das eine komische Form von Dunkelbunthumor war, doch da wurde sie gewahr, dass ein Auge des Drachens sich träge geöffnet hatte. Wie erstarrt stand sie da, der schuppige Leib strömte regelrecht Macht aus, Stärke und Zorn, der nicht zu beruhigen war, sobald man ihn entfachte.
Der massige Kopf wurde schwerfällig leicht angehoben, das zweite Auge öffnete sich ebenfalls, und mit einem Blick, der pure Weisheit ausströmte, musterte der Lindwurm seine Gegenüber in aller Gründlichkeit. Er schien sogar in sie sehen zu können, ergründete alles bis auf das letzte Bisschen. Dann nickte er behäbig und sank wieder herab, um in erneuten Schlummer zu sinken.
Erfreut erklang leise wieder die Katzenstimme: “Nun werde ich Euch zu Madame führen – Euch alle!”
Und sie ließ ihren Worten Taten folgen. Durch den Gang auf der anderen Seite führte sie sie in eine Kammer, die dem Wartesaal ähnelte. Alles war zusätzlich noch mit bunten Tüchern verhangen, und hier war die Quelle der Gerüche, eine Vielzahl von Räucherstäbchen, zu finden.
Auf einem bequemen Diwan räkelte sich eine weitere Katze, nur war diese weitaus größer und älter als die, die sie bisher hier zu Gesicht bekommen hatten.
“Darf ich vorstellen? Madame Sehweithinaus!” Ihre Führerin verbeugte sich anmutig und zog sich diskret zurück.
Madame bot ihnen mit einer eleganten Geste der Hand an, sich zu setzen, was sie dankend annahmen. Die Kissen, die statt der Stühle überall herum lagen, waren überaus weich und bequem, hier ließ es sich definitiv aushalten.
“Ihr seid also endlich da.” Ihre Stimme klang angenehm und erstaunlich neutral, wenngleich sie allesamt das Gefühl hatten, sie freue sich, sie hier zu haben. Und ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, dass ihre perlweißen Zähne hervorragend zur Geltung brachte. “Und sicherlich habt ihr viele Fragen.”
Lucy nickte, natürlich hatten sie die, und so viele purzelten gleichzeitig auf ihrer Zunge herum, dass sie gar nicht wusste, welche sie zuerst stellen sollte.
Die Wahrsagerin griff abwesend zu einem blutroten Wollknäul und spielte damit herum, schubste es hier und dorthin, warf es lautlos lachend in die Luft und fing es mit krallenbewährten pelzigen Fingern wieder auf.

“Lasst mich Euch eine Geschichte erzählen, bevor Ihr mir Eure Fragen stellt; diese Erzählung selbst dürfte so einiges erklären.
Wie Ihr alle wisst, sterben wir nicht nach dem Tod, wie Spielzeuge. Auch dann nicht, wenn wir verlegt werden, nein. Wir sterben dann, wenn wir vergessen werden. Dies geschieht, indem Freunde alt werden, wir kaputt gehen und nicht repariert werden – oh, auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen. Selten treffen zwei aufeinander, die ähnliches erlebt haben. Doch eines haben wir alle gemeinsam: Nach alledem sind wir an diesen Ort gelangt, zunächst auf den Friedhof. Und wer noch genug Lebensfunken besitzt, wenn er sich auf den weiten Schrotthalden wieder findet, schafft es in der Regel auch nach Dunkelbunt, es ist wie ein innerer Drang, der uns alle hier her ruft.
Und wer erst einmal ein annehmbares Quartier bezogen hat, verweilt dort in der Regel auf ewig. Kaum einer verspürt den absurden Wunsch, wieder auf den Müll zu wandern, etwas anderes gibt es hier nicht.”
Sie legte das Wollknäul beiseite und sah sie allesamt aufmerksam an, als wäre das, was jetzt kommen sollte, für sie besonders interessant.
“Auch kein Zurück. Der Oberclown hat es per Dekret verboten, in die reale Welt zurück zu kehren; auf dieses Vergehen steht die Todesstrafe. Seit langen Jahrhunderten schon hat es keiner mehr versucht, die Träume brodelten lang unterschwellig, wenn überhaupt. Alle arrangieren sich mit der Gegenwart – nicht so ihr.”
Ein Blitzen war in Madame Sehweithinaus Augen zu sehen, es verriet ein gewisses Amüsement – doch was war so lustig?

“Ein kleiner Frosch, mein Urgroßvater, besaß besondere Fähigkeiten. Er konnte Vorhersagen treffen, meist bezüglich des Wetters. Doch eines Tages verschleierte sich sein Blick, er griff sich dort hin, wo sein Herz gewesen wäre, hätte er eines besessen, und murmelte vor sich hin.
Da er kurz darauf starb – wirklich starb, von selbst in Flammen aufging und verkohlte – nahmen viele an, dass es nur das Gefasel eines senilen Greises gewesen sei. Besonders die Oberschicht hält noch immer an dieser Fassung fest.
Nach und nach gibt es allerdings eine andere Meinung, die sich aufgrund der hier geltenden Rechtlage eher im Untergrund verbreitet, dort allerdings rasant, nach der mein Urgroßvater doch recht besaß, und dass es sich bei seinen Worten um eine alte Prophezeiung handelte.
Kunterbunte Spielzeugwelt, gepeinigt von des Weinenden Launen,
Wird befreit werden von Neuankömmlingen, Unwissenden, wenn der kalte Morgen graut.
Man wird suchen, sie zu holen, doch zu stark vereintes Gelächter sein wird, verbreitet durch Raunen,
Sie werden siegen, doch alles nur, wenn das Püppchen, die Verzweifelte, es sich getraut.

Das waren seine Worte.”
Sie sah sie alle an, und langsam begannen sie zu verstehen, warum die Leute alle so über ihre Ankunft begeistert waren, zugleich aber irgendetwas zu fürchten schienen. Betroffen schwiegen sie, die wohl als Rebellen galten, und sich doch nicht anders fühlten, als es sonst immer der Fall gewesen war.
“Der Weinende...”, hob Lucy an, sie wollte so viel wie möglich wissen. Nur so konnte sie zu Melissa zurück kehren, indem sie es schaffte – da wollte sie nicht unvorbereitet sein, und Madame schien, gemäß ihrer Tätigkeit, eine Menge Wissen angesammelt zu haben.
“Das ist der Oberclown. Seit er hier ist, ist sein Gesicht zu einer Maske erstarrt, und da er nicht glauben kann, was geschehen ist, rinnt Bosheit durch seine Adern und sein Herz wurde von der allmächtigen Verzweifelung gefressen. Kurz nachdem er hier ankam, war er erst noch voller Hoffnung, doch irgendetwas schien sie zerstört zu haben, und er tat Samtpfote, seiner einzigen Freundin, grausames an. Als sie furchtsam vor ihm floh, rann eine einzelne Träne über sein Gesicht, wo sie sich schließlich einbrannte. Seitdem ist er, wie er ist – und wegen seines melancholischen Äußeren wird er weithin “der Weinende” genannt.”
“Er muss sehr alt sein.”
“Das trifft nicht nur auf ihn zu.” Der Ton, in dem Madame diese Worte sprach, machte klar, dass sie nicht gewillt war, Fragen hierauf zu beantworten, und diese gav es zuhauf, in jedem Kopf, der ihr zugewandt war, keimten sie auf. Doch diese Neugierde würde wohl unbefriedigt bleiben müssen.
Die Blume räusperte sich. “Also glaubt ihr alle, dass Lucy diese Verzweifelte ist? Und das wir ihre Begleiter sind? Nicht, dass es nicht stimmen würde, ...”
Madame Sehweithinaus nickte ihr zu. “Ja, das stimmt. Ihr seid ohne Zweifel die, von denen mein Vorfahre sprach – ihr seid die, die es schaffen werden, diesem Ort zu entrinnen. Und die Legenden sagen, dass, sobald es erst einmal vollbracht ist, es jedem möglich sein wird, diesen Weg zu gehen. Euren Weg. Vorrausgesetzt, Ihr seid erfolgreich.”
Damit war ihnen nun auch endlich die volle Tragweite der Geschichte bewusst, ihnen war das Verhalten ihrer Helfer plötzlich nicht mehr fremd – es machte Sinn, denn sie alle würden sie eventuell befreien. Oder bei dem Versuch untergehen, denn kneifen würde keiner. Sie tauschten bedeutungsvolle Blicke aus.
Lucy sah als Einzige Madame mit starren Augen an. Konnte es wahr sein? Sollte sie, die unscheinbare, kleine Puppe, wirklich in einer Prophezeiung auftauchen? Irrten sie sich da auch nicht?
Dieses Haus war durch und durch magisch, noch mehr, als allein schon diese ganze Welt, das war spätestens seit der Begegnung mit dem Drachen klar. Solche Bewohner lagen nicht einfach so falsch, das ging einfach nicht!
Zögerlich nickte sie. Lucy hatte ihr Schicksal akzeptiert. Die Wahrsagerin lächelte still.

Sie kamen gerade passend zum Mittagessen wieder zum Lachenden Faun. Lucy verspürte eher ein flaues Gefühl im Magen denn Hunger, und alles Bitten und alle noch so logischen Argumente konnten sie nicht davon abhalten, nicht am Tisch zu erscheinen.
Sie lag lieber auf ihrem Bett, starrte die gemaserte Decke an und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Bilder von Melissa und den letzten Tagen surrten durch ihren Porzellankopf, ohne Rast, ohne Ziel, bis Lucy schließlich die Augen zu fielen und sie in tiefen Schlummer sank.

Khihihihi!
Lucy setzte sich mit einem Ruck hin und riss ihre Lider hoch, damit ihre Glasaugen sich umsehen konnten – da kicherte doch wer!
Und tatsächlich wurde sie gerade noch eines verblassenden Schemen gewahr, der es sich mit übergeschlagenem Bein und auf den Knien gestützten Armen elegant beqeuem gemacht hatte:
Es war der feine Hase mit dem Zylinder, den sie schon direkt nach ihrer Ankunft auf den Schrottplatz getroffen und für merkwürdig befunden hatte.
Was wollte die andere Puppe nur hier, und, was viel wichtiger war, wie kam sie hier überhaupt herein – und was wollte sie hier?
Nervös lief Lucy im Zimmer auf und ab, wie um sich körperlich dem schnellen Tempo der Gedanken anzupassen, doch diese merkwürdige Unruhe wich nicht von ihr, wie eine böse Ahnung. Zappelin ging sie schließlich nach unten. Sie wollte gerade die Hand nach dem messingfarbenen Griff der Küchentür, aus der Stimmen und wohlige Gerüche drangen, ausstrecken, als diese auch schon von innen aufgestoßen wurde. Es war Arabella.
“Oh!”, rief sie, “Da bist du ja! Ich wollte dich gerade holen kommen!” Ein Strahlen zierte ihr Gesicht, sie schien hoch erfreut, die “Verzweifelte” hier zu sehen. “Wir wollen Pläne schmieden!” Bei diesen Worten funkelten selbst Arabellas Augen, was Lucy wieder schmerzhaft daran denken ließ, dass es genau so gut sein könnte, dass diese ganzen Hoffnungen auf wakeligeren Beinen standen als so manches Geschicklichkeitsspiel.

Wirklich alle waren da, wirklich alle freuten sich, sie wohlbehalten auf ihrem Stuhl sitzen zu sehen.
Sogleich entbrannte auch schon eine heiße Diskussion, die verriet, was sie den ganzen Nachmittag getan hatten. Jeder konnte mitreden, jeder hatte neue Ideen oder Argumente, die für oder gegen etwas sprachen.
Einig waren sie sich scheinbar nur in dem Punkt, dass das, was passieren sollte, schnell über die Klappbühne laufen sollte, bevor irgendein Spitzel sie verpfeifen konnte. Und, dass jeder teilhaben durfte, der wahrhaftig bereit dazu war.
Leider sagte die Prophezeiung nicht, was sie genau zu tun hatten, wie sie zu dem Spiegel gelangen konnten, wie er bewacht wurde, und auch Madame Sehweithinaus hatte es nicht vermocht, ihnen dazu einen Tipp zu geben.

Hört auf euer Herz – und egal, was euch gesagt wird, denkt immer daran, dass ihr eines habt, denn sonst wärt ihr gar nicht hier.
Das waren ihre Abschiedsworte gewesen.

Keiner kannte sich in dem Schloss des Herrschers aus, keiner wusste wirklich viel über magische Spiegel oder darüber, wie loyal die Wachen wirklich waren, es war lediglich zu vermuten, wie viele sich ihnen anschließen würden und so kamen sie auch nach Stunden zu keinem vernünftigerem Plan als sich vorzuwagen und dann zu entscheiden, was sie tun sollten.
Noch dazu war keiner von ihnen für so etwas geschaffen, dazu hätte es schon des tapferen Zinnsoldaten bedurft, doch dieser schien kein Interesse daran zu haben, aus Dunkelbunt zu reisen, noch dazu war für ewige Überredungsversuche keine Zeit. Außerdem kannte jeder der Gruppe sich gut genug um zu wissen, welches Problem befolgen von Befehlen für sie mit sich brachte, manch einer mehr, der andere weniger.
Nach einer Weile zerstreuten sich die vielen Spielzeuge wieder, selbst die Mäuse hatten irgendwann in ihrem Treiben innegehalten und sich mit beratschlagt, doch nun machten sie sich wieder an ihre Töpfe und Pfannen.
Denn alles, was sie mit Bestimmtheit sagen konnten, war: “Heute Abend geht es endlich los!”

Nebelschwaden krochen zaghaft, bald jedoch immer energischer, als wollten sie das, was sich da bald in Dunkelbunt ereignen würde, um nichts in der Welt verpassen wollen.
Flinke Schatten tanzten herum, auch sie schienen etwas besonderes zu erwarten und dem typischen Dunkelbuntgeruch aus Süßspeisen und Holz, der hier besonders stark in der Luft hing, haftete etwas magisches an.
Lucy und ihre begleiter sahen zum ersten Mal Bittersüß, das große Schloss, in dem der Herrscher thronte und sich vor den Blicken seiner Untertanen verbarg. Atemlos hielten sie für ein paar Sekunden inne, um die herrliche Aussicht zu bewundern:
Das Dach des Gebäudes, welches exakt im Mittelpunkt der Stadt stand, bestand aus vielen unterschiedlich großen Kuppeln und die Wände schienen allesamt aus Bonbonmasse zu bestehen; wann immer sie von einem vorwitzigen Lichtstrahl getroffen wurden, strahlten sie hell und farbenfroh auf. Doch obwohl all die vielen Fenster auch hier illuminiert waren, wirkte Bittersüß merkwürdig einsam, verlassen und trostlos.
Ohne Worte einigten sich die Gefährten darauf, ihren Weg fort zu setzen. Dieser sollte sie zu einem kleinen Lieferanteneingang führen, durch den Tag und Nacht Zutaten für die köstlichsten Speisen und wertvollste Stoffe und Geschmeide geliefert wurden. Angeblich war gerade zu dieser Stunde dort so viel los, um die Vorbereitungen für den übernächsten Tag zu treffen, dass sie sich an dieser Stelle durchschmuggeln konnten.
Um bloß kein Aufsehen zu erregen hatten sie den Vorschlag, sich extra dunkle Kleidung für die Wanderung durch die Nacht zuzulegen, abgelehnt. So unterschieden sie sich nicht wesentlich von dem Gewusel am Seiteneingang, wie Lucy überaus erleichtert feststellte.
Und wirklich wurde keiner von ihnen von den scharfkantigen Kartensoldaten oder den grimmig dreinblickenden Gargoyles aus der Schlange gewinkt. Auch, als sie sich heimlich davon stahlen, um tiefer in das Schloss vorzudringen, stellte sich ihnen niemand in den Weg. Nur die Lebenmittelfarbegemälde an den Wänden schienen sie mit eisigen Blicken zu verfolgen.
Diese Bilder bedeckten jeden Zoll der Wände, auch die dichen flauschigen Teppiche auf dem Boden wurden von unzähligen Motiven geschmückt. Ein Spiegel jedoch war weit und breit nicht zu sehen, egal, in welchen Raum sie auch einen Blick warfen.
Laut besprachen sie dieses und auch jenes Problem – eine verstohlen umherschleichende Meute hätte wohl weitaus mehr Unmut erregt.

Es kam ihnen so vor, als wären sie schon seit Stunden auf den Beinen. Nach wie vor waren sie nicht fündig geworden, waren lauten Geräuschen nach Möglichkeit ausgewichen und hatten schon mehrere der verwinkelten Stockwerke kennen gelernt. Ein jedes von ihnen besaß einen eigenen charakteristischen Farbton oder eine Art Wappen, welches immer wieder auftauchte, so wussten die heimlichem Gäste stest, ob sie an manchen Orten schon gewesen waren, nie aber, was sie nun erwartete.
Sie waren an Küchen vorbei gekommen, den königlichen Schneidereien, den Quartieren der Bediensteten, Lagerräumen...
Mittlerweile waren sie sich sicher, dass der Weinende den Spiegel, das Tor zur langersehnten Freiheit, nicht in einem abgelegenen Winkel sicher verwahrte, sondern höchstselbst über ihn wachte, als wäre er sein Augapfel.
Sie achteten darauf, dass sie den Kostbarkeiten folgten, denn es bestand kein Zweifel daran, dass alle Materialen edler werden mussten, je näher sie den verborgenen Gemächern kamen.
So kamen sie schließlich an einen großen Raum, den noch fabelhaftere Bilder, als sie die ganze Nacht hinweg gesehen hatten, zierten. Außerdem befand sich dort in einer gewaltigen Nische eine reich beschnitzte Flügeltür, die auf großes handwerkliches Geschick schließen ließ. Die eine Hälfte stand leicht offen, man sah es kaum. Aber eine schmale Person konnte hindurchschlüpfen – wie etwa eine zierliche Puppe. Wie Lucy.
Die Anderen waren noch abgelenkt, und nach der ganzen Lauferei hatten sie sich diese Pause nur allzu redlich verdient, beschloss die rothaarige Kugelgelenkpuppe und tappte lautlos auf den Durchgang zu.

“Seht euch nur diese vielen Details an!”
“Diese enorme Ausdruckskraft und die...”
“... Intensität...”
Die Stimmen ihrer Freunde wurden immer leiser, bis sie schließlich keinen einzigen Laut mehr vernahm. Doch gerade, als Lucy verwundert die Stirn in Falten legen wollte, bemerkte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Noch dazu kam sie sich so vor, als würde sie beobachtet werden.
Die Puppe fuhr herum – ihr Blick streifte Möbel solcher Erlesenheit, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte: Ein gewaltiges, wenn nicht gar monströses Himmelbett, ein Schrank, eine Kommode, ein Schreibtisch, alles verziert – und ein gewaltiger Vorhang aus dunklem, schweren Samt – und tatsächlich war sie nicht so allein, wie sie geglaubt hatte.
Eine Gestalt schwebte sitzend, mit übergeschlagenem Bein, vor ihr in der Luft.
Warum hat das so lange gedauert?”, tadelte das Wesen sie.
Lucy hatte eigentlich etwas sagen wollen, stattdessen hielt sie jedoch verdutzt inne. Woher sollte diese Gesalt den Abend des Lossschlagens gewusst haben?
“Nun, wir... he, dich kenne ich doch!”
“In der Tat.” Das Wesen erhob sich elegant, blieb mitten in der Luft stehen und zog mit einer weit ausholenden Geste den Zylinder mit den Hasenohren vom Haupt. “Wir begegneten uns einst weit entfernt von hier, auf der Halde.”
“Und in meinem Zimmer”, dachte sie bei sich.
Lucy erinnerte sich nur allzu gut an diese Treffen. Der Andere hatte bei ihrem trostlosen Anblick laut aufgelacht und sich dann wortwörtlich in Luft aufgelöst – und das gleich zwei Mal!
“Ich bin der Schelm”, sprach's und setzte Kopfbedeckung mitsamt Ohren wieder auf. “Nun weiß ich, dass alles in Ordnung ist. Doch sei auf der Hut: Wir bekommen Besuch.”
Der Schelm grinste sie an und entblößte sein perlweißes Gebiss. Plötzlich schien er blasser zu werden, bis nur noch sein Grienen übrig war. Mit einem leisen Plop! verschwand doch dann auch das.

Tatsächlich erklangen Schritte, doch nicht etwa aus der Richtung des Ganges – genau genommen war die Tür wohl schalldicht, kein Laut war von dort zu vernehmen – warum waren eigentlich beide Flügel nun verschlossen? -- sondern vielmehr von der gegenüber liegenden Wand.
Lucy ahnte, dass sich das, was sie suchte, hinter dem purpurnen Vorhang verbarg, gleichzeitig aber spürte sie auch, dass sie, falls sie entdeckt werden würde, hier in den königlichen Gemächern, teuer für ihre Anwesenheit würde zahlen müssen.So tastete sie sich rückwärts zurück zur Flügeltür, die Augen immer beobachtend nach vorn gerichtet.
Ihre langen Finger ertasteten kaltes Messing: Der Türgriff! Wie besessen rüttelte sie daran, doch jemand musste sie von außen verriegelt haben.
Verdammt! Sie saß in der Falle.
In diesem Moment glitt ein Teil der Wand zurück. Ein feines, mechanisches Sirren und Rattern war zu hören als der große Robotermann in den Raum trat. Seine Tüge waren extrem kantig und aus seinen tiefen Augenhöhlen funkelten zwei boshafte rote Lichter.
“Wen haben wir denn da.” Das war keine Frage. Er wusste scheinbar nur zu genau, wen er da vor sich hatte. “Majestät, Ihr könnt Euch unbesorgt nähern, sie ist allein!”
Der Weinende sah wirklich so aus, wie man ihn sich nach Madame Sehweithinaus Beschreibung vorstellte, und seine Miene war sogar noch starrer als die seines eisernen Begleiters, auf dessen Rücken eine metallene Aufziehfeder rotierte.

Mitten in ihren künstlerischen Anwandlungen hatten Lucys Freunde besorgt bemerkt, dass eine der ihren fehlte. Hinter ihnen, auf dem langen Gang, war keine Spielzeugseele zu sehen, aber die Tür, die auch sie nun bemerkten, ließ sich beim besten Willen nicht öffnen.
Zu allem Überfluss waren sie auch noch entdeckt worden, nein, das ist das falsche Wort. Es war eher so gewesen, als hätten die Kartensoldaten mit Bestimmung gewusst, wer ihnen da wann und wo einen Besuch abstatten würde.
Umzingelt hatten sie sie, hinaus geworfen. Nun standen sie da, wie begossene Pudel, auf dem Schlossplatz. Nun war alles aus!
Alleine hatte Lucy, wenn sie denn nicht schon längst eingekerkert worden war, nicht die geringste Chance.
Bedröppelt dachte die Blume an die Worte der weisen Wahrsagerin, es war doch-
“Oh!” Wie hatten sie nur so vergesslich sein können?

“Du und deine kleinen Freunde, ihr habt ja wohl nicht wirklich geglaubt, dass ich eure Spielchen durchgehen lasse, oder?” Die Stimme des Weinenden gemahnte an einen verlassenen Eishauch – oder an einen Todesseufzer.
“Dachtet ihr, eure hirnrissigen Aktivitäten würden mir – mir – verborgen bleiben? Wie konntet ihr eure Hoffnung an so etwas kleines klammern?” Er machte ein paar Schritte durch den Raum und trat zu dem Vorhang.
Wie gebannt verfolgte Lucy jede noch so kleine seiner abgehackten Bewegungen, auch, als er seine Hand in den schweren Stoff krallte und ihn mit einem Ruck zu Boden gleiten ließ.
“An so etwas kleines und banales wie einen Spiegel?” Sein Blick fuhr nachdenklich über das kalte Spiegelglas, dann begehrend über Lucy. “Aber ich kann dich beruhigen, meine Schöne. Noch ist es nicht vergebens, noch kann sich alles wenden – werde meine Königin!”
Die zierliche Puppe sah nun wirklich wie eine aus, leblos, ein Spielzeug ohne Seele, ohne Bewegung, so sehr schockierte sie diese Forderung. Sie brauchte einige Sekunden bis sie schließlich den Mund öffnete und zum Reden ansetzte, doch der Roboter kam ihr zuvor.
“Mylord, hört doch nur!” Die kleinen boshaften Augen blickten zum Fenster.
Und tatsächlich dran von dort draußen Geschnatter herein – moment, nein. Es war Gelächter. Neugierig folgte Lucy den roten Augen und sah hinaus. Der gesamte Platz war voller Stadtbewohner, man sah nichts anderes, in keiner Richtung. Überall standen sie und schienen sich vor lauter Lachen zu winden.
“Was, in drei Teufels Namen, ist da draußen loz? Zzieh nach!” In seiner Aufregung begann der Monarch zu zischen wie eine Schlange und man meinte für einen winzig kleinen Augenblick eine lange, gespaltene Zunge zwischen seinen Zähnen hervorblitzen zu sehen. Er krümmte sich zusammen und presste die behandschuhten Hände auf die Ohren. “Sorg dafür, dazzz zie zzztill zind!”
Der Robotermann nickte mit zusammengepressten Metallippen und schritt zur Tür, um den Wachen auf der anderen Seite, die nun wieder ihren Posten bezogen hatten, Befehle zuzubellen, doch ein Laut, schrecklicher als alles, was er bis dato gehört hatte, lenkte ihn von seinem Vorhaben ab.
Erschrocken fuhr er herum – Lucy wunderte sich ernsthaft darüber, dass so jemand wie er Schrecken empfinden konnte – und blickte zu seinem Herrn. Diesem rann eine Träne über die Wange, dann noch eine, eine weitere – bis er schließlich in Tränen zerfloss, im wahrsten Sinne des Wortes.
“Doch zu stark vereintes Gelächter sein wird.” Der Puppe ging ein Licht auf. Ihre Freunde hatten es geschafft!

“Herr?” Eine der Wachen blickte zu dem Eisenmann, offenbar waren sie alle mit der Situation vollkommen überfordert. “Wir brauchen Befehle!”
Ein lautes Geheule erhob sich von der anderen Seite des Flures aus. “Lucy! Luuucyyy!” Die anderen, sie kamen, und die verwirrten Kartensoldaten falteten sich verdutzt zu Origamikranichen und wieder zurück.
“Herr? Was geht hier vor?”
Klack!
Die Aufziehfeder war stehen geblieben, als fehle ihr die Energie, sich weiterhin zu drehen. Als hätte der Weinende, von dem nun nur noch ein kleines, trauriges Pfützchen übrig war, diese Macht als einziger verschaffen können.
“Lucy!” Atemlos blieb die Blume, die immer mitsamt ihres Topfes umherhopste, vor ihr stehen. “Ha-ha-haben wir es ge-schafft?”
Die Puppe nickte und lächelte. “Ja. Dank euch! Vielen, vielen Dank!”
Mit gemischten Gefühlen sah sie zu dem Spiegel. Erst jetzt fiel ihr auf, wie wundervoll er verziert war, der goldene Rahmen war über und über beschnitzt. Lauter Frösche waren darauf zu sehen.
Sie hatte hier wirkliche Freunde gefunden und Melissa hatte schließlich bewiesen, dass sie nichts mit ihr zu tun haben wollte. Doch hatte sie als dies nur für sie auf sich genommen. Gab es da also noch eine Frage, was nun zu tun war?
Aufmunternd lächelten sie alle Lucy zu, in ihren Gedanken ging ähnliches vor.
“Lasst es uns wagen!”, erklang schließlich eine piepsige Stimme.
Sie fassten sich aufgeregt und mit laut pochenden Herzen an den Händen, Blättern, Klauen und Flügeln und nach und nach verschwanden sie in ihrer langen Schlange durch den Spiegel, der nicht einmal mit der Wimper zuckte. Noch bevor die Freunde allesamt verschwunden waren, hatte sich ihnen bereits eine Vielzahl von anderen angeschlossen, selbst die Kartensoldaten wollten zurück.
Von da an war es allen Bewohnern Dunkelbunts freigestellt, wo sie wohnen wollten.


“Mama, Mama! Schau nur, was ich gefunden habe – Lucy, sie ist wieder da, sie war in der kaputten Schublade, die immer geklemmt hat, sieh nur!”
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BeitragVerfasst am: Do Okt 29, 2009 4:39 pm    Titel:
 
wow, geschichte, ich werde richtig neidisch.
So gut wie du werde ich nie, nie schreiben. Soll ich es aufgeben?
Nein, mache ich eh ganz, ganz sicher nicht, da ich es liebe.
Aber dennoch, für eine Freundin habe ich mal ein paar Verlage herausgesucht. Soll ich sie dir schicken?

lG Poetin

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„I’m afraid so. You’re entirely bonkers. But I’ll tell you a secret. All the best people are.“
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BeitragVerfasst am: Do Okt 29, 2009 10:09 pm    Titel:
 
Das wäre auch noch schöner, wenn du einfach so die Feder an den Nagel hängen würdest! ôo
Aber vielen Dank für das Kompliment! Was für Verlage sind das denn, auch welche, die Fantasy im Verlagsprogramm haben? Alle anderen würden mich wohl auslachen, fürchte ich.

Doch im Grunde gerne, das wäre sehr nett - schon allein für den lieben Vorschlag danke ich dir!

Liebe Grüße, geschichte
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BeitragVerfasst am: Sa Okt 31, 2009 9:41 am    Titel:
 
geschichte hat Folgendes geschrieben:
Das wäre auch noch schöner, wenn du einfach so die Feder an den Nagel hängen würdest! ôo
Aber vielen Dank für das Kompliment! Was für Verlage sind das denn, auch welche, die Fantasy im Verlagsprogramm haben? Alle anderen würden mich wohl auslachen, fürchte ich.

Doch im Grunde gerne, das wäre sehr nett - schon allein für den lieben Vorschlag danke ich dir!

Liebe Grüße, geschichte


Jep, auch solche, da mich die anderen auch auslachen würden: "Was ein sprechender Wolf? Hahahahahaha..."

Liebe Grüße, Poetin

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BeitragVerfasst am: Mi Mai 01, 2013 4:26 pm    Titel:
 
Der kleine Balken tanzte in einem sich immer wiederholenden Rhythmus auf der weißen Seite. Schneeweiß. Blütenweiß. Unbeschrieben.
Obwohl es in ihrer Hand juckte, ihre Finger zuckten, und das Bedürfnis zu schreiben immer stärker wurde, zögerte sie. Denn die Seite war weiß. Voller Möglichkeiten. Sie könnte ein kleines blaues Fellknäuel ausziehen und die aberwitzigsten Abenteuer erleben lassen; die Reise schafwolliger Wolken auf einer endlos blauen Fläche beschreiben. Sie könnte etwas über fremde und gerade erst entdeckte Kulturen schreiben, oder selbst welche erfinden und ihnen Leben einhauchen.
Unmerklich schüttelte sie ihren Kopf, und ein zaghaftes Lächeln ergriff Besitz von ihren Lippen. Nein, das würde sie nicht tun. Sie wusste genau, womit sie diese leere Seite füllen würde. Heute, dieses eine Mal, würde sie über sich schreiben.
Mit offenen Augen sah sie ins Nichts und durchforstete ihre Erinnerungen.

Farbschlieren, der Geruch von Regen in der Luft, das Lachen einiger Kinder. Das metallische Aufschnappen des Fahrradständers, der sie mit Stolz erfüllte, weil sie es endlich geschafft hatte, zu lernen, wie man damit fuhr. Darüber, dass man ihr zutraute, allein mit dem Drahtesel den Weg zur Schule zu meistern, vorbei an dem hohlen Baumstamm und dem Haus ganz aus Holz, in dem angeblich ein Gitarrenbauer wohnte. In dem Wissen, dass die Welt voller Geschichten war und sie hier und heute noch ein paar weitere erfahren würde, sicherte sie ihr Rad mit einem verrosteten Zahlenschloss, setzte sich den mit Dalmatinern bedruckten Grundschulrucksack auf und zog eine vorwitzige Haarsträhne unter dem Rucksackträger hervor.
Bis zum Haupteingang waren es nur wenige Schritte. Sie führten sie an dem riesigen Baum, dessen Wurzeln die Bodenplatten langsam aber hartnäckig bei Seite schoben, zurück an dem Eisentor vorbei.
„Guten Morgen!“
Wie üblich blieb ihr Gruß an ein einzelnes Mitglied aus ihrer Klasse unbeantwortet, und wie üblich tat die Zweitklässlerin so, als wäre es ihr egal. Vielleicht war es das wirklich. Auch, wenn sie das Wort „Floskeln“ noch nicht kannte, empfand sie sie irgendwie als überflüssig. Es gab so viele interessante Dinge auf der Welt! Wozu immer wieder die gleichen langweiligen Worte verwenden?
Das hier war nicht das Hauptgebäude. Der Sportunterricht begann immer mit dem Spaziergang zur Turnhalle, an dem Holzhaus und dem hohlen Baum vorbei.
Das Gebäude war ein langer, gerader Strich. Klassenräume, aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Und jeder hatte seinen eigenen Durchgang zum Schulhof, vor dem sich allmorgendlich die Schüler versammelten.
Heute war das Wetter schön, die Luft klar, und das Warten war kein allzu großes Problem. Immerhin gab es ja etwas zu tun. Es ging auch ohne Verzögerung los.
„Was hast du mit Alexander gemacht?!“
„Was?“, sie drehte sich in die Richtung, aus der die Frage gekommen war.

Ihr in der Gegenwart verbliebenes Ich strich sich mit der linken Hand über die Narben am rechten Handgelenk. Wer hatte diese Frage gestellt? Sie wusste es nicht mehr. Heute waren sie alle bunt gekleidete, verschwommene Figuren, deren damalige Gesichter alle einzeln in ihr Gedächtnis eingebrannt waren. Wortfetzen durchwebten sich gegenseitig, und einige Ereignisse kannte sie nur, weil ihre Träume sie dann und wann an längst vergangene Geschehnisse erinnerten.
Wer war es gewesen? Einer der blonden Zwillinge? Einer der Sportenthusiasten? Eine von denen, die den Sportenthusiasten gefallen wollte?
Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Sie waren eins gewesen. Eine Klasse. Feinheiten spielten jetzt nun wirklich keine Rolle mehr.
„Was hast du mit Alexander gemacht?“, wiederholte die Stimme ihre Frage.
„Ja, genau. Du hast ihn gestern angeschrien!“
„Wann?“, fragte sie verwirrt. Damals war ihr Gedächtnis noch perfekt, nahezu fotographisch gewesen, und doch erinnerte sie sich nicht daran, gestern in der Schule überhaupt mit Alexander gesprochen zu haben. Immerhin mochte sie ihn nicht sonderlich, fand sein kicherndes Lachen penetrant und mochte es nicht, wenn ihm der Schnodder aus der Nase lief. Und weiter lief. Bis aufs Kinn. Ungebremst.
Das war bisher allerdings kein Grund gewesen, ihn anzuschreien, und sie war sich relativ sicher, dass sie auch in Zukunft einfach weiter stillschweigend einen Bogen um ihn machen würde.
„Gestern Nachmittag natürlich!“
Alle, die bis jetzt schon darauf warteten, dass ihre Klassenlehrerin die Tür öffnete, hatten sich der Situation mittlerweile eingeschlossen und standen mehr oder weniger in einem kreisartigen Pulk um die Sprechenden herum. Drei weitere Klassen gingen auf diese Miniausführung der Schule, dutzende von Kindern wuselten auf dem Schulhof herum. Aber es waren keine von ihnen. Sie sah sie fast gar nicht, und auch der Rest der Klasse schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Denn wer kümmerte sich schon um den Rest der Welt, so lange alles gut war, wie es war?
Sie blickte Sophie fragend an. Wie immer hatten sie den gestrigen Nachmittag gemeinsam verbracht und draußen gespielt, unter freiem Himmel, so lange das Wetter noch gut war. Alexander war nicht dort gewesen, und würde Sophie das bestätigen, wäre alles wieder gut. Unruhe breitete sich in ihr aus.
„Nein, habe ich nicht!“
„Doch“, mischte sich eine andere Stimme ein. „Du hast ihn angeschrien, bis er geweint hat. Und deswegen kommt er heute nicht zur Schule, hat er mir gesagt.“ Die Stimme klang selbstbewusst.
Still wunderte sie sich, seit wann der Besitzer der Stimme mit Alexander redete. In der Schule tat er es nicht, es tat fast keiner. Fast keiner mochte Alexander – aber warum sollte sich dann jemand extra die Mühe machen, vor der Schule noch mit jemandem, den er nicht mochte, zu sprechen?
Es ergab keinen Sinn, und sie war zu naiv, um das zu vermuten, dass sich Jahre später als offensichtlich erweisen sollte. Jahre später. Viel später. Quasi in einem anderen Leben, als das dumpfe Echo „Was hast du gemacht?“ durch ihr Gedächtnis hallte, gesprochen von unterschiedlichen Stimmen, die einen Kreis um sie bildeten und sie einschlossen. Die sie bedrängten, bedrohlich näher kamen, und sie an der Flucht hinderten.

Sie hätte es kommen sehen müssen. Ihren ersten Freund im Sinne von Kumpel verlor sie an die frühsten Auswirkungen der Pubertät. Mädchen waren seiner Ansicht auf einmal doof, und es war schädlich, sich mit ihnen herum zu treiben. Hinterher malten sie einem noch die Fußnägel rosa an oder zwangen einen, Röcke zu tragen – der Junge wollte kein Risiko eingehen.
Übel nahm sie es ihm nicht, denn sie war sich sicher, dass er wieder zur Vernunft kommen würde. Irgendwann. Immerhin waren sie Freunde, und das musste etwas heißen, oder?
Die zweite Freundin war eigentlich keine Freundin. Sie spielten zusammen, alberten herum, nach der Schule.
Auf dem Schulausflug saßen sie nebeneinander, auf einer hölzernen Bank, unter einem nicht minder hölzernen Baum. Holz, überall Holz! Die ganze Welt war voll davon.
„Wenn du mir 20 Mark gibst, bin ich deine Freundin.“
Sie sah das Mädchen verblüfft an. Waren sie denn etwa keine Freunde? Sie verbrachten Zeit zusammen! Sie hatten sich eigentlich gern – zählte das nicht?
„Nein“ lautete die schlichte Antwort.
Und dann war da noch Sophie. Sophie, die immer daneben stand. Die ihr nie half. Die sich der Mehrheit anschloss, die sich in der Grundschule eine große Oberweite wünschte, um halb durchsichtige Tops tragen zu können.

Verschiedene Szenen im Schnelldurchlauf. Wer bestimmt eigentlich, was man mit seinem inneren Auge sieht?
Notenvergabe. Sie wollte ihre Note nicht wissen, denn die würde ohnehin auf ihrem Zeugnis stehen. Die lange Schlange vor dem Pult, kichernde, tuschelnde, verlegene Grundschüler. Endlich bekamen sie echte Noten! Doch scheinbar war die Ausbeute nicht so, wie man es sich erhofft hatte. Die Gesichter wurden immer länger.
Als die Schlange abgearbeitet war, waren noch zwei Schüler übrig. Sie selbst und ein anderer, einer, den sie gar nicht so sehr nicht-mochte, wie es beim Rest der Klasse der Fall war.
Die Lehrerin beschloss, die verbliebenen Noten allen zu sagen, denn ihrer Ansicht nach müsse man sich nicht dafür schämen, eine Eins zu bekommen – eine Aussage, der lauter Protest folgte.
Dass er eine so derart gute Note bekommen hatte war in Ordnung. Das Fach war Religion, er las angeblich jeden Abend in der Bibel, und er hatte immer gute Noten. Kein Thema, damit hatte man gerechnet.
Aber was war mit der dummen Kuh? Warum bekam ausgerechnet die eine Eins?
„Das liegt daran, dass das die einzigen beiden sind, die etwas sagen, das Hand und Fuß hat.“
Der Fall war klar: Sie war der Liebling der Lehrerin, denn ein vernünftiger Mensch wusste ja, dass sie nur Stroh im Hirn hatte, eine ansteckende Krankheit war. Wer sie berührte, wurde infiziert, was sie berührte auch – und wer etwas berührte, das sie berührt hatte… es war so kompliziert. Niemand konnte das auf Dauer im Überblick behalten, doch für den Moment war es ein sehr witziges Spiel. Für alle außer eine, und das war kein schlechter Schnitt, oder?

Mit einem breiten Lachen im Gesicht dachte sie an ihre Rache. Vierte Klasse. In jeder Pause sauste der Ball über das Spielfeld, man wich aus, fing – Totenball nannten sie das. Sie hatte noch nie gut fangen können, aber als sie einen goldenen Ball – wie aus dem Froschkönig! – geschenkt bekam, beschloss sie, das zu ändern. Sie übte. Lange. Nachmittagsweise.
Und dann, wenn sie den schmutzstarrenden Ball auf dem Pausenhof umher warfen, schaffte sie es, zu gewinnen. Sie gewann das Spiel! Sie, die angeblich nichts konnte. Sie gewann. Sie gewann weiter. Immer, und immer weiter – sie konnte zwar nicht werfen, aber es reichte, wenn sie den Ball fing.
Eigentlich wartete sie darauf, dass man ihr verbot, weiterhin mitzuspielen. Es wäre ganz natürlich gewesen, denn immer, wenn sie auch nur ansatzweise so etwas wie Spaß empfand, obwohl der Rest der Klasse beteiligt war, kam etwas dazwischen.
Die Sportenthusiasten wollten sich nicht von einem Mädchen schlagen lassen, und sie war etwas anderes. Eine dumme Kuh. Es gab Mädchen, es gab Jungen, und es gab sie. Und ausgerechnet sie sollte die Jungen bei einem sportlichen Spiel schlagen? Pah!
Man musste es weiter versuchen. Weiter, immer weiter! Sie konnte ja nicht ewig fangen.
Sie hörte auf damit, als die Klasse beschloss, in den Pausen etwas anderes zu unternehmen. Gemeinschaftlich. Denn man war eine Gemeinschaft, in einem Ziel geeint: Alle gegen einen.

Sport. Daran hatte sie nicht denken dürfen. An den Tag, als sie wegen Bauchschmerzen auf der Bank saß und nicht am Sportunterricht teilnahm. Neben ihr saß Dennis, den Arm in einer für ihn so charakteristisch weißen Schlinge.
„Was hast du eigentlich mit deinem Arm gemacht?“, fragte sie neugierig, auf der Suche nach Geschichten. Sport war langweilig, denn da ging es nur um Bewegung, nie darum, warum man sich bewegte. Oder wer sich das ausgedacht hatte, als würde ein geheimes, nur Lehrern bekanntes Gesetz besagen, dass Geschichten und Sport nichts miteinander zu tun haben dürften.
„Du hast ihn mir doch gebrochen, weißt du nicht mehr?“, fragte der Junge verwirrt.
Mit gekräuselter Stirn zog sie sich zurück und dachte an die Klassenfahrt. Sie hatte gesehen, wie die Sportenthusiasten Basketball spielten, als sie durch den Wald gelaufen war. Sie war nur kurz daran vorbei gekommen, dann gleich wieder bei der anderen Gruppe gewesen. Sie waren offiziell eingeteilt gewesen, alle müssten also wissen, dass sie nicht dabei gewesen war, als er sich das Schlüsselbein brach.
Ihr ging auf, dass falsche Geschichten nur lang genug erzählt werden mussten, um zumindest für einige Leute wahr zu werden. Dennis hat aufrecht geklungen. Sie war es allerdings auch.

Die Schulzeit würde bald hinter ihr liegen. Sie fröstelte.
Das weiße Textdokument direkt vor ihr hatte etwas von einer unberührten Schneedecke, und die Kälte schien sich direkt in ihre Finger zu schleichen.
Ja, Geschichten waren überall. Um sie herum, und auch in ihr. Zögernd legte sie ihre Hände auf die Tastatur und begann zu tippen.
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